Inszenierung von Diversität

Performanz kultureller Vielfalt und Differenz am Quebecer Beispiel des Theaters von Robert Lepage

Der Umgang mit Diversität ist immer wieder Gegenstand intensiver Diskussionen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Doch was bezeichnen wir eigentlich als Diversität? Diversität wird in der Dissertation als ständig neuverhandeltes Ergebnis sozialer Differenzierungsprozesse betrachtet. Diese Prozesse finden innerhalb eines ebenfalls sozial definierten Raumes statt. Der gewählte geographische als auch soziale Raum Quebec weist die Beson-derheit auf, dass zum einen die Gesellschaft stark durch Immigration geprägt ist und zum anderen eine interkulturelle Vision des Umgangs mit Diversität vorherrscht, die sich vom kanadischen Multikulturalismus abzugrenzen sucht.

Performanz wird in der Arbeit als theoretisches Konzept, dem zufolge eine performative Handlung Realität schafft, verstanden. In diesem Fall wird Diversität durch Theater perfor-mativ konstituiert. Theater ist hierbei ein Kommunikationsmedium mit unmittelbarer Auswirkung auf den Zuschauer.

Robert Lepages Theater ist vor diesem Hintergrund als künstlerisches Produkt einer Gesellschaft, die von integrationspolitischen Debatten sowie dem alltäglichen Umgang mit kultureller Heterogenität geprägt ist, zu sehen. Gleichzeitig konstruiert sein Theater selbst Diversität und verhandelt dabei Differenzkategorien und soziale Zuschreibungen neu. Seine Quebecer Perspektive erweitert Lepage um transkulturelle Raumauffassungen, was sein Theater zu einem Forschungsgegenstand erhebt, der ein neues Bewusstsein für Differenzierungsprozesse aufzeigt und die (negative) Bedeutung kultureller Differenz relativiert.

Aus kulturwissenschaftlicher Perspektive wird daher untersucht, wie Lepage Diversität konstruiert. Hierbei werden Differenzkategorien ausgewählt, und es wird analysiert, wie Lepage diese in einem Korpus von neun Theaterstücken der Zeitspanne 2003 bis 2013 ästhetisch und narrativ zunächst herstellt. Weiterhin wird untersucht, wie er mit den auf der Bühne konstruierten Differenzen theatralisch umgeht und sie Teil eines Entwicklungsprozesses werden lässt.

Die Analyse bringt die folgende Hauptthese der Arbeit hervor: Lepage spielt mit der Wahrnehmung von Diversität und stellt bekannte Differenzierungsmuster durch bestimmte visuelle Strategien, Humor und erzähltechnische Feinheiten infrage. Differenz wird insofern in Teilen wieder dekonstruiert. Gleichzeitig konstruiert Lepage kulturelle Vielfalt und unterstreicht ästhetisch ihren Wert.

Hierbei geht er noch einen Schritt weiter, indem er transkulturelle, also kulturübergreifende Welten schafft. Diese erzeugt er durch eine visuelle Betonung von raumübergreifender und intermedialer Bewegung, Kommunikation, Verständigung und Ästhetik. Diversität und die Überschreitung von konstruierten Raumgrenzen jeglicher Form erscheinen in den Stücken als normal. Im Vordergrund stehen bei Lepage die Komplexität und gleichzeitige Einfachheit der Menschlichkeit sowie Selbstreflexion und die Wertschätzung des Anderen.

Robert Lepages Inszenierung von Diversität fordert den Zuschauer heraus, die eigene Sicht auf Vielfalt und Differenz zu reflektieren. Die gesellschaftlichen Ereignisse und medialen Phänomene des 21. Jahrhunderts verlangen eine Auseinandersetzung mit Diversität. Dies trifft insbesondere auf Quebec zu, wo in einem ständigen Neuverhandlungsprozess Lösungs-ansätze für ein gesellschaftliches Miteinander gesucht werden, und lässt sich auf andere Räume ausweiten. Die Dissertation stellt mit dem Theater von Lepage in diesem Sinn ein Beispiel für Akteure in Politik und Wirtschaft sowie für jeden Einzelnen vor – ein Beispiel, wie Diversität aufgefasst, ausgehandelt und gelebt werden kann.